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Der Maler Leonid J. Mezheritski
Biografie

Leonid Mezheritski [leo`nid meʒe`ritskij] wurde am 11. Dezember 1930 als drittes Kind der Familie des Architekten Jakow J. Mezheritski in Odessa geboren. Schon in jungen Jahren verlor er seinen Vater. Die Mutter Berta J. Mezheritskaja (geb. Dorfman) sorgte dafür, dass Leonid, seine zwei älteren Brüder sowie der in zweiter Ehe geborene jüngere Bruder eine glückliche Kindheit in einer liebevollen Atmosphäre hatten.

Die Kindheit endete schlagartig: Der Krieg begann, und Odessa wurde beinahe vom ersten Tag an bombardiert. Leonid wuchs in den tragischen Kriegsjahren heran. Die Familie musste nach Mittelasien flüchten. Sie hungerten, litten große Not und mussten sehr hart arbeiten. Trotz allem herrschte im Haus ein Kult der Hilfsbereitschaft für die Nächsten und jeden, dem es schlecht ging. 1949 kehrte die Mutter mit ihren beiden jüngeren Söhnen, die den Krieg überlebt hatten, sowie ihrer Adoptivtochter nach Odessa zurück.

B.J. Mezheritskaja nahm stärkste Belastungen auf sich. Mit wahrhaft übermenschlichen Anstrengungen lässt sie all ihren drei Kindern eine vollwertige Ausbildung entsprechend deren Neigungen und Wünschen zukommen. Leonid wurde zunächst an der Sektion Architektur der Baufachschule aufgenommen. Der Zeichenlehrer erkannte seine künstlerische Begabung und empfahl ihm nachdrücklich, sich mit der darstellenden Kunst zu beschäftigen.

1949 – 1955 studierte L. Mezheritski an der Odessaer Kunstschule, die heute nach Grekov benannt ist. Sie wurde vor fast 150 Jahren als Zeichenschule gegründet und war im Laufe ihres Bestehens zweimal eine Kunstschule, eine Akademie, ein Institut und ein Höheres Kunstatelier, blieb aber immer eine akademische Bildungseinrichtung. Dort war man bemüht, den Studenten das Interesse an der Odessaer Schule der Malerei zu vermitteln, die sich durch emotionale Wärme, ein feines Farbempfinden, eine Harmonie des Kolorits auszeichnet.

Der Maler sah es als sein besonderes Glück an, dass er an der Kunstschule bei zwei bemerkenswerten Lehrern und großartigen Malern, D.M. Frumina und M.D. Mutselmacher, studierte. Unmittelbar nach Beendigung des Studiums wurden zwei seiner Werke zur Teilnahme an einer regionalen Gemäldeausstellung ausgewählt. Von dieser Zeit an und überwiegend bis 1971, als Mezheritski in den Verband Bildender Künstler der Sowjetunion aufgenommen wurde, waren seine Werke regelmäßig in zahlreichen professionellen Gemäldeausstellungen vertreten. Später sah er keine Notwendigkeit mehr, sich derart aktiv an Ausstellungen zu beteiligen. Diese Tendenz schlägt sich im Ausstellungsverzeichnis des Malers nieder. Einige seiner Bilder, die auf diesen und anderen Ausstellungen gezeigt wurden, sind von staatlichen und privaten Museen, Galerien und Organisationen in der Ukraine, in Russland, England und Japan erworben worden. Werke des Malers befinden sich auch in privaten Sammlungen der genannten Länder sowie in Deutschland, Kanada, den USA und Israel.

Leonid Mezheritski arbeitete in den Genres Porträt, Landschaftsmalerei und Stillleben. Seine Haupttechnik war die Ölmalerei. Basierend auf den feinsten Techniken klassischer realistischer Malerei und eigenen koloristischen Errungenschaften entwickelte er seine eigene Malweise. Wenn man seine Abbildungen der Natur Italiens, Russlands, der Ukraine oder Israels sowie der Stadtlandschaften von Odessa oder Berlin betrachtet, empfindet man ihren lyrischen Charakter und ihre Farbharmonie. Von ihnen weht Luft. Seine Stillleben entfalten ein Eigenleben, das beim Betrachter eine ganze Skala von Gefühlen und Assoziationen anzuregen vermag. Seine Porträts reproduzieren nicht nur die äußerliche Gestalt des Menschen, sondern auch seine Geisteswelt; sie werden durch ein inneres Licht erleuchtet.

Selbst die als Auftragsarbeiten für den Künstlerfonds der UdSSR geschaffenen „thematischen“ Bilder des Malers weisen ein außerordentlich hohes professionelles und künstlerisches Niveau auf, was von den hohen Verkaufsergebnissen in der Gegenwart indirekt bestätigt wird. Dies gilt im Übrigen auch für die schöpferischen Gemälde Mezheritskis und spiegelt sich in den regelmäßig publizierten Ratings russischer Künstler wider.

Bekanntlich entwickeln begabte Menschen oft Fähigkeiten auf den unterschiedlichsten Interessengebieten. So verhält es sich auch mit Leonid: Er war ein guter Turner, ausgezeichneter Schachspieler, begnadeter Mathematiker und unermüdlicher Erfinder, war außerordentlich musikalisch, liebte die Klassik und sang bemerkenswert gut. Er kannte sich in der Weltgeschichte aus, vergötterte die Poesie und konnte vieles auswendig rezitieren. Er war in der Lage, Meisterklassen zu unterrichten, überhaupt liebte er zu unterrichten, ebenso wie seine Lehrerin Dina M. Frumina, mit der er in gegenseitigem Verständnis – künstlerisch wie menschlich – freundschaftlich verbunden war. Diese enge Bindung währte bis zum Tag ihres Todes. Auch mit anderen herausragenden Malern, die in Odessa lebten, Vladimir M. Sinitski und Nikolai A. Shelyuto, pflegte er enge freundschaftliche Beziehungen.

Mit seinem eigenständigen und prinzipienfesten Charakter war Leonid Mezheritski dennoch im Stande, Freundschaften über Jahre und Jahrzehnte hinweg aufrechtzuerhalten. Seit seiner Studienzeit unterhielt er kameradschaftliche Beziehungen zu vielen Kommilitonen, z.B. mit Gennady Malyshev, Yosef Ostrovsky, Lev Mezhberg, Valery Prik u. A. Mit einigen von ihnen, vor allem mit Tamara Litvinenko-Shelyuto und Mikhail Matusevich, verband ihn eine tiefe Freundschaft Darüber hinaus war er auch mit Alexander Rikhter, Ivan Logvin, Vladimir Litvinenko, Alexander Shelyuto, Sofja Kaplun und anderen interessanten Menschen, Malern wie Nichtmalern, befreundet.

Nicht jedem gelang es, zu Leonid – Freunde nannten ihn Leon – eine freundschaftliche Nähe herzustellen. Seine leidenschaftliche und ungemein aufgeschlossene Seele verkörperte selbst und suchte bei anderen Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Integrität. Das Leben hat ihn leider in vielerlei Hinsicht enttäuscht, womöglich in einigem auch betrübt oder gar verbittert. Im Großen und Ganzen aber blieb er von Natur aus ein großzügiger, gütiger und optimistischer Mensch. Er verstand es, den Schlag zu halten, und konnte sich sogar auch an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Sein Verhalten war von Freiheit geprägt, furchtlos verhielt er sich oft der verbreiteten Meinung zuwider, und manchmal auch exzentrisch.

Leonid Mezheritskis Beziehung zu seinen Kindern aus seinen beiden Ehen war voller Zuneigung, Verständnis und Hingabe. Ungeachtet der räumlichen Entfernung (seine 1955 geborene Tochter Julija lebt seit Ende der 70er Jahre in Berlin, sein 1962 geborener Sohn Jakow lebt seit früher Kindheit in Moskau) waren sie regelmäßig in Kontakt und besuchten sich oft gegenseitig.

1998 siedelte Leonid gemeinsam mit seinem Bruder, dem Maler Eduard N. Morosov (geb. 1937), nach Israel über. Nach dem Tod ihrer Mutter B.J. Mezheritskaja im Jahre 1993 verblieb Eduard als derjenige Mensch, der Leonid weltanschaulich und den Lebensumständen nach am nächsten stand. In Israel setzte Leonid den aktiven schöpferischen Prozess fort, schuf eine bedeutende Anzahl israelischer Landschaftsbilder, Stillleben und Porträts. Er lief und fuhr Dutzende von Kilometern, um nach Orten, Lichtverhältnissen und einer Atmosphäre zu suchen, die seiner künstlerischen Stimmung entsprachen.

Mezheritski war ein großer Anhänger der Pleinairmalerei. Seine Arbeit an einem Werk begann immer mit einer sorgfältigen Motivsuche in der Natur und wurde nicht selten in vielen Sitzungen realisiert. Auf seinen Reisen durch die Ukraine, Russland, Italien und Deutschland entstanden zahlreiche Ölstudien. Einige von ihnen nutzte er für seine späteren Bilder. Viele dieser Studien haben bereits in diesem Stadium die Gestalt eines fertigen Werkes.

In Mezheritskis Werken wird die Stimmung der Natur stets auf ergreifende Art und Weise wiedergegeben. Der Maler hatte nicht nur die Gabe, diese Stimmung einzufangen und auszunutzen. Dieser besondere Zustand seiner Werke wurde in hohem Maße geschaffen durch sein Talent, durch seine emotional angespannten Lebenseindrücke. Durch seine Fähigkeit, den Augenblick zu spüren und ihn in eine Offenbarung seiner Ausnahmepersönlichkeit zu verwandeln.

Leonid Mezheritski war ein herausragender Maler, ein Mensch mit einem interessanten und schwierigen Schicksal. Ihm war das Glück beschieden, sich damit zu beschäftigen, wofür er durch sein Talent prädestiniert war und was das Wesen seines Lebens ausmachte: die Kunst der Malerei… Schwer erkrankt verstarb er am 12. November 2007 in Berlin, wo er auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt wurde. Er ging hinweg, nein, er wurde aus dem Leben gerissen, mit schöpferischen Plänen, einem enormen Willen und der Energie, sie zu verwirklichen. Er kämpfte und malte bis zum Ende…

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